Das ganze Jahr über hört man hin und wieder, dass man unbedingt zum Karneval nach Québec fahren sollte. Diese für Nordamerika nicht besonders typische 5. Jahreszeit wird in Quebec traditionell über drei Wochenenden hinweg gefeiert, beginnend ab Ende Januar. Zusammen mit Markus, Ben (einem Amerikaner) und Jess (einer Australierin) habe ich mich letztes Wochenende dann nach Québec aufgemacht (ca. 230 km von Montréal), um zu erfahren, was der Karneval wirklich ist.
Relativ untypisch für Québec war das sehr milde Wochenende, mit Regenfall anstatt Schnee. Gerade zum Karneval ist in Québec fast alles ausgebucht und auch wir hatten Mühe noch kurzfristig ein Hostel zu finden, dass noch frei Betten hatte. Gebucht hatte ich Betten in einem Zehnerzimmer, bekommen haben wir ein "Private Room" in einem zusätzlich angemieteten Appartment mit riesigem Wohnzimmer und so gut wie neuer Küche. Wenn wir noch mehr Zeit mitgebracht hätten, dann hätten wir sogar die kleine Sauna im Bad benutzen können. Doch wir sind stattdessen die Stadt erkunden gegangen...
Québec liegt wie Montréal direkt am St. Lorenz-Strom, nur eben etwas weiter nörlich und näher am Atlantik. Der St. Lorenz Strom ist dort auch noch mit wesentlich mehr Eis bedeckt als in Montréal. Eisbrecher halten ständig eine Fahrrinne frei, damit die Binnenschifffahrt zu den Großen Seen aufrecht erhalten werden kann. In Québec selbst kämpft sich eine Pendelfähre zwischen den beiden Ufern durch das Eis. Das alte Québec ist ähnlich wie das alte Montréal durch alte Steinhäuser und verwinkelte Gassen geprägt. Oberhalb der "Altstadt" (Québec feiert gerade die 400-Jahr-Feier), tront das große und majestätische Hotel "Chateau Frontenac", welches aber nicht ganz so alt ist.
Zu Karnevalszeiten wird in Québec einiges geboten. Jeden Tag ist ein anderes Programm, als wird dort waren, lief gerade ein Seifenkistenrennen in den alten Gassen von Québec, auf einem großen Platz konnte man eine kleine Hundeschlittentour machen, mit seinen Freunden in Rafting-Booten den Hang hinunterfahren, Tanzgruppen auf einer Bühne zusehen oder einfach Schnee- und Eisskulpturen bewundern, die dort im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs gerade entstanden. Lustigerweise war beispielsweise eine Delegation aus dem schneeverwöhnten Mexiko dabei.
Abends war dann im Norden von Québec, wo leider nicht mehr das Altstadtflair zu finden war, sondern vielmehr nordamerikanische Einheitsholzhäuser, der Faschingsumzug. Meine Erfahrungen in Sachen Faschingsumzüge sind zwar deutlich begrenzt und meine etwas angeschlagene Gesundheit haben auch bei mir keine Höchststimmung zustande bringen lassen, aber irgendwie ging es allen Menschen um mich rum so. So standen alle eben im Nieselregen und haben auf den Umzug gewartet. Dieser kam dann auch mit durchaus netten Umzugswagen und ein paar Tanzgruppen. Leider war nicht besonders viel Musik dabei und die richtigen Stimmungsmacher habe ich auch etwas vermisst. Als dann ganz am Ende das Maskottchen vom Karneval, der Bonhomme de Carneval, aufgetaucht war, sind alle Leute so schnell es geht nach hause gegangen. Eine etwas merkwürdige Veranstaltung.
Am nächsten Morgen sind wir uns dann die großen Wasserfälle "Chute de Mont-Montmorency" in der Nähe von Québec anschauen gegangen. Im Sommer sind diese schon sehr beeindruckend und bilden im Prinzip die letzte Hürde eines Flusses bevor er in den St. Lorenz Strom mündet. Aber im Winter bildet das Schauspiel aus Schnee, Eis und Wasser nochmal eine ganz andere Dimension. Zunächst kann man sich über eine Brücke die Fälle von oben anschauen. Das Wasser ist links und rechts von Eismassen eingeengt und fällt nie wie im Sommer in einen großen See, sondern vielmehr in ein riesiges Loch, das von einer 3-4m dicken Eisschicht gesäumt ist. Der gesamt See unterhalb ist zugefroren und die Leute laufen darauf direkt zu den Wasserfällen. Über einen abenteuerlichen Abstieg auf nicht geräumten Treppen sind wir dann auch auf den See gegangen und konnten damit erst ein weiteres Zeugnis des Winters bestaunen. Die Gischt des Wassers bildet sich im Flug zu feinen Schneekristallen und setzt sich noch vor dem großen Loch ab. Im Lauf der Zeit hat sich somit ein 10-15m Schneeberg zwischen den Leuten und dem Wasserfall gebildet. Wenn man dort hinaufsteigt, wird man doch sehr sehr nass.
Anschließend sind wir nochmal zurück nach Québec, denn das große alljährliche Kanurennen über den St. Lorenz Strom hat an diesem Nachmittag stattgefunden. Einige unerschrockene junge Frauen und Männer, warm angezogen und mit Spike-Schuhen ausgestattet mussten ihr Kanu mehrmals zunächst an der Hafenpromenade entlang, dann über den Fluss hinüber ans andere Ufer und wieder zurück zum Ausgangspunkt befördern. In eisfreien Zonen konnten sie rudern, im Wasser-Eis-Gemisch sind sie dann mit einem Bein ausgestiegen und haben das Kanu auf dem Eis nach vorne geschoben. Das ganze muss sehr kühl und unglaublich anstrengend gewesen sein.
Nachdem wir uns das Schauspiel eine Weile angeschaut haben, sind wir dann langsam zurück nach Montréal gefahren.
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